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Was ist kritisches Denken?

Wir sind beileibe nicht die ersten, die sich diese Frage stellen. Es gibt eine Fülle an Literatur zu diesem Thema und womöglich würden sie staunen, wie viele Treffer Ihnen Google liefert. Was sagen die Experten? In einer großen Delphi-Umfrage unter Expertinnen wurde in den 1980er Jahren versucht, einen Konsens zu finden. Wer sich die “Definition” eines “idealen” kritischen Denkers (übersetzt aus Facione, 1990) durchliest, merkt aber schnell, dass vermutlich sehr viele verschiedene Menschen ihren Teil zu beigetragen haben und eine unscharfe Beschreibung entstanden ist:

Andere Denker haben einfachere Definitionen verfasst. John Dewey, der auch in einigen Podcast-Episoden “zu Wort” kommt, sprach nicht von kritischem Denken (critical thinking), sondern von reflektiertem Denken (reflective thinking) und hat darüber vor über 100 Jahren in seinem Buch “How we think” geschrieben:

Hier finden wir womöglich schon eher wieder, was uns bei kritischem Denken besonders wichtig erscheint. Es geht also um gute Gründe und auch um eine Haltung, die es zu pflegen gilt. Dirk Jahn hat das Thema Kritisches Denken in seiner Dissertation “Kritisches Denken fördern können” sehr intensiv beforscht. Er stellt die allgemeine Definierbarkeit des Begriffs etwas in Frage, wenn er schreibt:

Wir sehen also, dass die Frage gar nicht so leicht zu beantworten ist und es auch sehr stark von der Perspektive abhängt. Das soll natürlich nicht heißen, dass sich jeder und jede eine ganz private Definition zusammenstricken kann, denn sonst wird der Begriff schnell beliebig.

In unserer Nullnummer (Episode 1) haben wir uns mit einem Whitepaper der Schweizer Skeptiker befasst, in welchem sich Marko Kovic (ein wiederkehrender Gast in unserem Podcast) an einem allgemeingültigen Versuch einer Definition von kritischem Denken versucht. Seine Definition hat drei Teilaspekte. Wichtig beim kritischen Denken ist zum einen, dass in geäußerten Argumenten der formalen Logik nicht widersprochen wird. Unlogische Argumente wären beliebig und dieser Punkt ist entsprechend klar. Desweiteren sind bei allen möglichen Aussagen, die wir über die Welt treffen immer auch die kognitiven Verzerrungen zu berücksichtigen, denen unser Denken unterliegt. Auch das macht Sinn, wobei es sich lohnen kann, genau hinzuschauen, welche Funktion diese kognitiven Abkürzungen womöglich haben, und an welcher Stelle sie vielleicht hilfreich sind. Klar ist aber, dass unser Denken und unsere Wahrnehmung bestimmten Verzerrungen unterliegt. Und es ist sicher hilfreich, diese zu kennen und zu erkennen. Nicht nur bei anderen, sondern vor allem auch bei sich selbst. Das hilft beim kritischen Denken sehr. Der dritte Aspekt beim kritischen Denken ist die Anwendung einer bayesianischen Epistemologie, also eine Art an Erkenntnisse über die Welt zu gelangen und diese in einem Weltbild zusammenzufassen, welche auf Wahrscheinlichkeiten basiert. Das heißt also, wir sollten nicht in Schwarz-Weiß-Denken verfallen.
Diese Kriterien sind beim kritischen Denken sicher allesamt hilfreich, aber auch immer abhängig vom Kontext und nicht erschöpfend. Es spricht auch vieles dafür weitere Aspekte zu berücksichtigen. So mag es rational sein Anlagebetrug mit einem Schneeballsystem zu begehen und dabei die Denkfehler von Anlegern auszunutzen. Doch wäre das ein gutes Beispiel für kritisches Denken?

Rational zu denken, erfordert auf jeden Fall formal-logisch korrekt zu argumentieren. Man sieht aber schon, dass auch ethische Fragen eine wichtige Rolle beim kritischen Denken spielen können. Mit den Themen Ehtik und Moral haben wir uns unter anderem in Episode 4 mit Prof. Gereon Wolters und Episode 36 mit Prof. Gerog Lind beschäftigt.

Eine unserer wichtigsten Einsichten ist aber, dass das kritische Denken immer bei einem selber beginnen sollte, auch wenn es oftmals sehr viel leichter ist, über “die anderen” kritisch zu denken und deren Aussagen, Ansichten und Meinungen kritisch zu hinterfragen oder gar nach allen Regeln der Logik auseinanderzunehmen. Die wenigsten Menschen beziehen kritisches Denken auf die eigenen Aussagen, Ansichten und Meinungen. Man könnte dazu selbstkritisches Denken sagen. Dazu bedarf es einer gewissen Selbstreflexion. Diesem Gedanken sind wir bereits in Episode 2 mit Natalie Grams begegnet und seither in vielen Interviews immer wieder.

Da wir viele Gespräche mit Wissenschaftler:innen geführt haben und selbst einen naturwissenschaftlichen Hintergrund haben, stellt sich, zumindest für uns, auch die Frage, was der Unterschied zwischen kritischem Denken und wissenschaftlichen Denken ist. Dieser Frage haben wir eine ganze Episode gewidmet (Episode 80).

Aber auch nach knapp 100 Episoden “Kritisches Denken Podcast”, haben wir keine abschließende Antwort, auf die Frage “Was ist Kritisches Denken?” In jeder Episode haben wir Denkanstöße bekommen und unsere Gäste haben uns mit Einblicken in verschiedene Bereiche wissenschaftlichen Arbeitens erhellt. Macht Euch mit uns auf die Reise.

(Stand: Dezember 2023)

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